Update

Der letzte Bericht liegt mehrere Monate zurück und zwischenzeitlich hat sich vieles getan – höchste Zeit also für ein Update. Die Euphorie, welche ich während der WM Woche in Aiguebelette erlebte, hielt noch mehrere Wochen an. Rückblickend ist mir dies vielleicht etwas zum Verhängnis geworden, denn im alljährlichen Velolager auf Mallorca hatte ich mit grosser Müdigkeit zu kämpfen. Im ersten Moment habe ich diese Wahrnehmung nicht wirklich ernst genommen und so gut wie möglich verdrängt. Im Nachhinein war dies wohl nicht sehr schlau, denn mein Zustand verschlechterte sich zunehmend bis ich schlussendlich auf Anordnung des Sportarztes mein Training reduzieren und den Fokus auf die Erholung legen musste. Ich hatte grosse Mühe zu verstehen was in und mit mir vorging und haderte stark mit meiner Situation. Zudem konnte ich mir auch nicht erklären wie ich nach einer solch erfolgreichen Saison überhaupt in diese missliche Lage hineingeraten konnte. Es blieb mir aber nichts anderes übrig als das Beste aus der Situation zu machen. Mit viel Geduld und in diesem Fall wenig Training hat sich mein Körper letzten Endes dann erholen können und seit Jahresbeginn bin ich wieder „back on track“. Mitte Januar bin ich dann zusammen mit sechs meiner Nationalmannschaftskollegen zu einem meiner bisher grössten Abenteuer aufgebrochen und zwar sind wir nach Neuseeland ins Trainingslager geflogen. Unterdessen haben wir bereits mehr als fünf dieser gesamthaft sechs Wochen hinter uns und mein bisheriges Fazit ist in wenigen Wort zusammengefasst „fantastisch und überwältigend“. Untergebracht sind wir in einem ruhigen Quartier in einem kleinen, eher verschlafenen Städtchen genannt Cambridge. Das Krafttraining absolvieren wir im etwas ausserhalb gelegenen Avanti Velodrom und unsere Rudertrainings absolvieren wir auf dem Lake Karapiro, den wir mit dem Fahrrad in circa 20 Minuten erreichen. Den See teilen wir uns mit der gesamten neuseeländischen Nationalmannschaft, mit dem Regional Performance Center von Waikato sowie etlichen Wakeboardern, Speedboat- und Jetskifahrern. Spiegelflaches Wasser wie wir das in Sarnen oft erleben, haben wir bis anhin noch nie erlebt. Dafür herrschen hier sommerliche Temperaturen und statt wie in der Schweiz zu dieser Jahrszeit üblich mit x-fachen Schichten an Kleidung zu rudern, tragen wir Sonnencrème, Einteiler, Sonnenhut und Sonnenbrille. Neuseeland hat zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit der Schweiz, ist aber gleichzeitig doch komplett anders, extrem vielfältig und abwechslungsreich. Das Wetter wechselt teilweise innerhalb weniger Minuten und auch wenn der Himmel strahlend blau ist, gibt es immer irgendwo riesige, weisse Wolken zu sehen. Nicht umsonst also, dass Neuseeland in Maori „Aotearoa“ heisst und soviel bedeutet wie „das Land der langen, weissen Wolke“. Mich fasziniert die enorme Weite und unberührte Schönheit dieser Insel sowie die atemberaubenden Einblicke in Naturphänomene, die man in Europa so nicht kennt oder zu sehen bekommt. Pro Woche hatten wir jeweils einen trainingsfreien Tag, den wir meist mit einem Ausflug in die nähere oder auch weitere Umgebung verbracht haben. Dabei haben wir die West- sowie Ostküste gesehen, haben die Waitomo Glowwormcaves  besucht und mein bisheriges Highlight; die 20 Kilometer lange Wanderung genannt „Tongariro Crossing“ gemacht, die wir durch unseren local guide, niemanden geringeres als Emma Twigg, in weniger als vier Stunden gelaufen sind. Auch wenn ich danach die ganze Woche aufgrund des Muskelkaters doppelt litt, hat es sich gelohnt den trainingsfreien Tag dafür zu opfern. Bei Trainingslagerhalbzeit, genau zum richtigen Zeitpunkt damit der Lagerkoller nicht aufkommen konnte, haben wir am Cambridge Town Cup, der grössten Regatta Neuseelands teilgenommen. Auch wenn bei uns allen Rennpraxis und Schläge auf Rennfrequenz etliche Monate zurücklagen, konnten wir doch alle ansprechende Resultate bei teilweise starker Konkurrenz vorweisen. Für mich schaute ein dritter Rang hinter Emma Twigg sowie Eve Macfarlane (Weltmeisterin im Doppelzweier) heraus. Dadurch nahm ich natürliches einiges an Selbstvertrauen in die zweite Hälfte des Lagers. Inzwischen sind wir fast am Ende unserer Zeit hier in Cambridge angelangt. Vor uns liegen nun noch die Finalrennen der neuseeländischen Meisterschaften. Für einmal starte ich nicht nur im Einer sondern auch noch im schweren Doppelzweier zusammen mit Patricia Merz. Die Konkurrenz ist abermals gross, in beiden Bootsklassen, aber die Freude über’s Rennenfahren noch viel grösser. Diese sechswöchige Erfahrung hat mich teilweise aus meiner Komfortzone gelockt, hat mich vor ungewöhnliche Herausforderungen gestellt wodurch ich mir neue Fertigkeiten aneignen musste und schlussendlich hat sie meinen Horizont um ein Vielfaches erweitert. Auch der Austausch mit Menschen einer anderen Kultur und Ruderern aus aller Welt sowie das Knüpfen von neuen Freundschaften trug zu einer genialen Zeit bei, die ich bestimmt nie vergessen werde, beigetragen. Trotz allem freue ich mich auf die Rückkehr in die Schweiz und fühle mich bereit die herausfordernde olympische Saison in Angriff zu nehmen. Zuhause warten dann die Swiss Rowing Indoors, der Langstreckentest sowie die verbandsinternen Qualifikationsrennen auf mich. Bis dahin geniesse ich aber die verbleibende Zeit in Neuseeland noch in vollen Zügen.