45 Days to Rio…!

Mit dem Weltcup in Varese wurde die olympische Saison eröffnet. Das Meldefeld im Frauen Einer war stark und gross. Zu Beginn der Wettkampfsaison ist die Anspannung jeweils besonders gross, da man sozusagen in’s kalte Wasser geworfen wird und sich zum ersten Mal gegeneinander misst, nachdem man viele Monate ohne wirklichen Vergleich trainiert hat. Trotzdem ging ich sehr gelassen und zuversichtlich an den Start. Das Wochenende glich einem Steigerungslauf. Ich konnte mich von Rennen zu Rennen verbessern und erreichte somit mein erstes A-Finale an einem Weltcup. Dieses schloss ich zwar auf dem undankbaren vierten Rang ab, doch ich führte das Rennen unabsichtlich bis etwas über die Hälfte an und konnte mein Maximum abrufen. Im ersten Moment war natürlich eine gewisse Enttäuschung über die verpasste Medaille da, aber diese wich dann sehr bald zur Seite, da ich Gast vom Schweizer Fernsehen in der Sendung „sportlounge“ sein durfte. Nach dem Ausrufern und einer Dusche wurde ich von Lukas Studer im Club Canottaggio Varese empfangen. Wer den Beitrag gerne nachschauen möchte, kann dies unter folgendem Link tun: http://www.srf.ch/sendungen/sportlounge/bundesligatrainer-martin-schmidt-im-portraet-exklusive-einblicke. An dieser Stelle herzlichen Dank an das Team vom SRF für diese Ehre und das gelungene Interview. Wenige Tage später erreichten mich durch Swiss Olympic die News, dass ich offiziell für die Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro selektioniert wurde. Die Gefühle, welche danach in mir hochstiegen, waren unbeschreiblich. Die unzähligen Trainingsstunden, all der Schweiss, alle Tränen und alle Schmerzen gerieten da in Vergessenheit und ich wurde von Glücksgefühlen übermannt. Gleichzeitig machte sich in mir eine riesige Dankbarkeit breit, denn dass ich diese Ziel, für welches ich mehrere Jahre gearbeitet habe, erreichen konnte, habe ich ganz vielen Menschen zu verdanken. Die bedingungslose Unterstützung, die ich von allen Seiten und zu jeder Zeit geniessen durfte und darf, ist nicht selbstverständlich und eine grosse, wenn nicht gar die grösste Kraftquelle überhaupt.  Im Anschluss an den Weltcup haben wir noch zwei Wochen in Varese verbracht und uns intensiv auf die Europameisterschaften in Brandenburg vorbereitet. Ich war ready und freute mich die Chance zu haben meine Medaille aus dem Vorjahr zu verteidigen. Voller Vorfreude reiste ich nach Brandenburg. Da wir über Berlin gereist sind, kamen viele Erinnerungen in mir hoch. Denn im Herbst 2013 habe ich dort mehrere Monate trainiert und sozusagen meine internationale Karriere lanciert. Bevor die Rennen auf dem Beetzsee jedoch losgingen, waren sie für mich auch schon wieder vorbei. Mich hatte ein viraler Infekt erwischt und komplett ausser Gefecht gesetzt. So musste ich schweren Herzens auf den Start verzichten und das Hotelbett hüten.  Nachdem ich auskuriert war, begann die Vorbereitung für den Heimweltcup auf dem Rotsee in Luzern. Bis ich wieder in den gewohnten Trainingsrhythmus gefunden hatte und mich in meinem Boot so richtig wohl fühlte, hat es allerdings etwas gedauert. Nichts desto trotz war ich pünktlich zum Start der Regatta in passabler Form. Von den insgesamt drei Rennen waren zwei schon recht gut. Allerdings hat im Halbfinal nicht alles so geklappt wie es das hätte sollen und somit verpasste ich eine erneute A-Finalqualifikation. Darüber war ich natürlich traurig, wollte den Kopf aber nicht hängen lassen und konnte im B-Final ein solides Rennen abliefern, das mir den Sieg und Gesamtrang sieben einbrachte.  Für einmal gab es danach eine kurze Verschnaufpause um die Energiespeicher vor der letzten Etappe nochmals aufzufüllen. Der Wiedereinstieg ins Rudertraining verzögerte sich bei mir allerdings um einige Tage, da ich an einer Entzündung am kleinen Finger litt. Bis diese abgeklungen war, absolvierte ich meine Einheiten auf dem Rad und hatte somit nur wenige Tage im Ruderboot bevor schon der dritte und letzte Weltcup anstand. Nichts desto trotz habe ich diesmal schnell wieder in den Rhythmus gefunden und reiste zuversichtlich und vor allem mit guten Erinnerungen nach Poznan. Dort trafen wir wettertechnisch auf die gesamte Palette – von Sturm über sintflutartigen Regen bis hin zu strahlendem Sonnenschein. Wie bereits im letzten Jahr herrschte auf der Strecke konstanter Seiten- und Schiebewind. Es war also Anpassungsfähigkeit gefragt um mit den ständig wechselnden Umweltbedingungen zurechtzukommen. Der Auftakt ins Rennwochenende gelang mir wunschgemäss, denn mit einem beherzten Rennen und lange an zweiter Position liegend, konnte ich im Endspurt noch zulegen und den Vorlauf für mich entscheiden. Das Bild im Halbfinale sah relativ ähnlich aus. Mit einem soliden ersten Rennteil lag ich zu jeder Zeit auf dem finalberechtigten dritten Rang, konnte mich aber zum Schluss gar noch auf Rang zwei vorschieben. Die Ausgangslage für das Finale war ziemlich klar: die beiden Ausnahmeathletinnen und Favoritinnen aus Australien sowie Neuseeland würden die Plätze eins und zwei unter sich ausmachen. Der Kampf um Platz drei bis sechs war hingegen sehr offen und es war zu erwarten, dass es sehr eng zu und her gehen würde. Genau so war es dann auch. Ich kam gut vom Start weg, alle anderen jedoch auch, und so fand ich mich in der ersten Streckenhälfte – wenn auch nur mit wenig Rückstand – am Schluss des Feldes wieder. Dank einer starken zweiten Streckenhälfte und vor allem einem guten Schlussteil konnte ich mich stetig weiter nach vorne kämpfen und die Ziellinie diesmal als Dritte überqueren. Auch wenn ein paar von den guten Einerfahrerinnen gefehlt haben, ist diese Bronzemedaille und das Podest mit zwei meiner langjährigen Vorbildern zu teilen, etwas ganz besonderes. Nun geht es in die finale Runde der diesjährigen Olympiasaison. Bis zum Abflug nach Rio sind es noch knapp sechs Wochen. Diese werde ich nochmals gezielt nutzen um mir den nötigen Feinschliff für die alles entscheidenden Rennen im August zu holen. Back to work! (Bildquelle: Detlev Seyb, Schweizerischer Ruderverband)